Landesparteitag der Grünen in Hamburg – Einsatz für einen verantwortungsvollen Umgang mit Nutria

20. Apr. 2026 | Presse, Nutria

Beim Landesparteitag der Grünen in Hamburg hat sich unsere 1. Vorstandsvorsitzende Vanessa Haloui klar und engagiert für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Nutria ausgesprochen. Als Mitglied der Grünen aus Hamburg-Bergedorf brachte sie das Thema mit Nachdruck auf die politische Agenda und warb für eine nachhaltige und ethisch vertretbare Lösung: die Sterilisation statt Abschuss.

Der Vorstoß richtet sich auch gegen die bisherige Praxis der Hamburger Umweltbehörde BUKEA unter Führung der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank. Diese setzte bislang auf Maßnahmen, die stark von der Linie der SPD geprägt sind – insbesondere auf den Abschuss der Tiere. So wurde unter anderem die sogenannte „Schwanzprämie“ von 7 auf 14 Euro erhöht und zusätzlich rund 150.000 Euro für Fallen bereitgestellt.

Der Begriff „Schwanzprämie“ erklärt sich dabei aus der Praxis: Als Nachweis für die Tötung eines Tieres muss lediglich der Schwanz abgegeben werden. Für jeden abgegebenen Nutria-Schwanz wird dann die Prämie ausgezahlt. Diese Methode steht seit langem in der Kritik, da sie finanzielle Anreize für das Töten schafft, ohne eine nachhaltige Lösung für das eigentliche Problem zu bieten.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Höhe der bereitgestellten Mittel: Genau die Summe von 150.000 Euro, die in ineffektive Maßnahmen wie Fallen investiert wurde, ist zugleich der Betrag, der unserer Wildtierstation helfen würde, ihre Existenz langfristig zu sichern und ihre wichtige Arbeit fortzuführen.

Klare demokratische Entscheidung

Der Antrag für nicht-letale Maßnahmen – insbesondere die Sterilisation – wurde auf dem Landesparteitag mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die Abstimmung fiel nahezu einstimmig aus, wenn man von der Enthaltung von Katharina Fegebank absieht.

Damit haben die Grünen Hamburg eine klare und demokratisch legitimierte Position beschlossen. Nun liegt es an Katharina Fegebank in ihrer Funktion als Vertreterin der Partei in der Regierung, diese Position auch gegenüber dem Koalitionspartner SPD einzubringen und konsequent umzusetzen. Der Parteitag hat damit nicht nur ein Signal gesetzt, sondern auch einen konkreten politischen Auftrag formuliert.

Die Rede von Vanessa Haloui auf dem Landesparteitag

Im Zentrum des Parteitags stand die eindrucksvolle Rede von Vanessa Haloui, in der sie faktenbasiert, sachlich und zugleich eindringlich für ein Umdenken plädierte:

Rede für den Landesparteitag der Grünen Fraktion Hamburg

⁠Liebe Partei-Freundinnen und Freunde,

⁠wir sprechen heute über den Umgang mit einer Tierart, die nicht aus eigener Entscheidung hier ist, sondern durch menschliches Handeln nach Europa gebracht wurde: die Nutria. Gerade deshalb liegt die Verantwortung für einen angemessenen, sachlichen und ethisch vertretbaren Umgang bei uns.

⁠Die derzeitige Praxis in vielen Regionen setzt auf den Abschuss. Doch Studien zeigen ein klares Bild: Der Abschuss führt bei Nutria nicht zu einer nachhaltigen Reduktion der Population, im Gegenteil. Durch sogenannte kompensatorische Reproduktion steigen Geburtenraten in dezimierten Beständen oft an. Das bedeutet: Wir investieren Ressourcen in Maßnahmen, die ihr Ziel verfehlen oder sogar das Gegenteil bewirken.

⁠Dem gegenüber steht die Sterilisation als nicht-letale Methode. Sie greift direkt in die Fortpflanzung ein und kann Populationen langfristig stabilisieren und reduzieren – ohne das Leid und die ethischen Konflikte, die mit der Tötung einhergehen.

⁠Auch wirtschaftlich lohnt sich ein genauer Blick: ⁠Die Sterilisation einer Nutria kostet im Schnitt etwa 10 Euro. Demgegenüber steht eine aktuelle Schwanzprämie von rund 14 Euro pro Tier. Hinzu kommen die Kosten für tausende Euro teure Lebendfallen, die bereits angeschafft wurden – diese sind in der bisherigen Rechnung oft noch nicht einmal vollständig berücksichtigt. Wir geben also mehr Geld für eine ineffektive Maßnahme aus, als für eine nachhaltige Lösung nötig wäre.

⁠Ein häufig vorgebrachtes Argument lautet, Nutria würden Deiche beschädigen und stellten damit eine Gefahr für den Hochwasserschutz dar. Doch genau hier müssen wir bei den Fakten bleiben: ⁠Ein Gutachten, das die Hamburger Naturschutzbehörde bei der Lewantana in Auftrag gegeben hat, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis – es gibt keinen einzigen nachgewiesenen Schaden an Hamburger Deichen durch Nutria. Dieses Argument trägt in unserer Stadt schlicht nicht.

⁠Auch ihre Anatomie zeigt das deutlich: ⁠Ihr dünner Schwanz dient nicht dem Antrieb, wie beim Biber, sondern der Navigation durch dichten Pflanzenbewuchs. Sie besitzen lediglich drei Schwimmhäute an den Hinterfüßen. Nicht umsonst stammt ihr Name „Coypu“ aus dem Spanischen und wird treffend als „Sumpfbiber“ übersetzt. Der Begriff „Biberratte“ hingegen ist ein klassisches Beispiel für sprachliche Abwertung – ähnlich wie „Ratten der Lüfte“ für Tauben. Wenn wir Tiere diskreditieren wollen, vergleichen wir sie mit Tieren, die gesellschaftlich ohnehin negativ besetzt sind. Doch das ist kein sachliches Argument.

⁠Zudem entspricht das Bild, das oft von Nutria gezeichnet wird, nicht ihrer tatsächlichen Lebensweise. Nutria sind Tiere stehender oder ruhiger Gewässer. In der Elbe kommen sie – wenn überhaupt – nur in beruhigten Buchten vor. Die starke Strömung, verstärkt durch die Elbvertiefung, macht das Hauptfahrwasser für sie ungeeignet und sogar lebensgefährlich.

⁠Ein weiteres Argument, das immer wieder angeführt wird, ist die Behauptung, Nutria hätten hier keine natürlichen Feinde. Auch das hält einer sachlichen Betrachtung nicht stand. Nutria besetzen – je nach Lebensphase und Körpergröße – sehr wohl eine ökologische Nische in unserem Ökosystem. Jungtiere und kleinere Individuen werden von Greifvögeln erbeutet und in Gewässernähe auch von Reihern. Selbst größere Tiere können potenziell Beute von Wölfen und Füchsen werden. Es ist also nicht korrekt zu behaupten, Nutria seien völlig ohne natürliche Regulierung.

⁠Am Ende bleibt eine grundlegende Frage: ⁠Wie gehen wir als Gesellschaft mit fühlenden Lebewesen um, deren Existenz in unserer Umwelt auf menschliches Handeln zurückgeht?

⁠Es gibt keine zwingende Grundlage für die Tötung dieser Tiere – weder ökologisch noch sicherheitspolitisch in Hamburg. Und wir sind ethisch und moralisch verpflichtet, Alternativen zu wählen. Genau das sieht auch das europäische Recht vor: Nicht-letale Maßnahmen haben Vorrang. Die Tötung darf nur das letzte Mittel sein – nicht das erste.

⁠Sterilisation ist kein Allheilmittel, aber sie ist ein sinnvoller, verhältnismäßiger und zukunftsorientierter Ansatz. Sie verbindet Wirksamkeit mit Verantwortung.

⁠Lasst uns diesen Weg gehen – sachlich, faktenbasiert und im Einklang mit den Werten unserer Partei – folgt unserem einstimmigen Beschluss aus dem KV Bergedorf.

⁠Vielen Dank.

Mit diesem klaren Appell wurde deutlich: Es gibt Alternativen zum bisherigen Vorgehen – und es liegt in unserer Verantwortung, diese auch umzusetzen. Gleichzeitig zeigt die Debatte, wie dringend Unterstützung für Einrichtungen wie unsere Wildtierstation benötigt wird, die tagtäglich praktische Tierschutzarbeit leisten und nachhaltige Lösungen vorleben.